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Das Jugendforum

Das Jugendforum ist eine durch das Bundesförderprogramm Demokratie Leben ins Leben gerufene Initiative für Jugendliche und junge Erwachsenen bis 27 Jahre. Es werden Geldmittel zur Verfügung gestellt, um demokratische und gemeinnützige Projekte umzusetzen.

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Gedenken an die Opfer der Reichspogromnacht: Zeitzeuge (95) und Schüler (16) im Dialog

logo kh„Für die Bewältigung der nationalsozialistischen Vergangenheit leisten Gespräche und Diskussionen zwischen den Generationen einen wichtigen Beitrag“. Oberbürgermeisterin Dr. Heike Kaster-Meurer ist daher froh, dass Dr. Walter Grein (95) und Johannes Miedema (16) bei der Veranstaltung zum Gedenken der Opfer der Reichpogromnacht 1938 am Mittwoch, 9. November, 17 Uhr an der Mahntafel Ecke Fährgasse/Mühlenstraße mitwirken. Neben der Oberbürgermeisterin spricht auch Valeryan Ryvlin, Vorsitzender der jüdischen Kultusgemeinde. Der Kantor Noam Ostrovsky spricht das Totengebet (El Male Rachamin). Für die musikalische Begleitung sorgen Petra Grumbach und der Chor der jüdischen Kultusgemeinde unter der Leitung von Tatjana Feigelmann.

Dr. Walter Grein und Johannes Miedema im GesprächDr. Walter Grein und Johannes Miedema im GesprächAuch nach fast 80 Jahren sind die Bilder der Verwüstung bei Walter Grein sehr präsent. „Es war grauenhaft“,  erinnert sich der 95-Jährige an den 10. November 1938 in München, an den Morgen nach der Reichspogromnacht. Auf dem Weg zur Oberrealschule sah der damals 17-Jährige die zerschlagenen Scheiben, die zerstörten Geschäfte, die Hetz-Parole „Juda verrecke“ an die Wände geschmiert. Geschockt und erschüttert von so viel Hass geht Walter Grein nicht in die Schule sondern kehrt weinend in sein Elternhaus zurück.

Mit den Verbrechen der Nationalsozialisten in der Reichspogromnacht Bad Kreuznach hat sich auch Johannes Miedema intensiv im Schulunterricht im Gymnasium an der Stadtmauer befasst. Am eindrucksvollsten war für ihn aber das Gespräch mit dem Münchner Zeitzeugen Walter Grein, den er vor zwei Jahren durch das Projekt „Generationen im Dialog“ im „Erzähl-Café“ der Schule kennengelernt hat.  Gemeinsam mit zwei weiteren Altersgenossen war er dann Gast von Walter Grein. Dort sahen sie auch einen Film über das Wirken des Arztes in Afrika, der seit November 2009 in Bad Kreuznach lebt.

„Ich habe in meinem Leben so viel Glück gehabt“, blickt Walter Grein auf schwere, aber auch auf schöne Zeiten zurück. 1941 wird er zur Wehrmacht einberufen. Obwohl er sein Abitur noch nicht bestanden hat, bekommt er sein Hochschulreife-Zeugnis. An der Front in Russland betet er zu Gott, sein Maschinengewehr nicht abfeuern zu müssen. Vor dem ersten Schuss erkrankt er an Amöbenruhr. Er kommt für sechs Monate ins Lazarett.

Danach studiert er ein Semester Medizin in München und soll eigentlich wieder in den Krieg. Wieder hat er Glück, der verantwortliche Militärarzt, selbst einmal an Amöben-Ruhr erkrankt, schreibt ihn dienstuntauglich. Walter Grein darf weiter studieren und lernt in der Studentenkompanie Michael Soeder kennen. Soeder ist ein guter Freund der Geschwister Hans und Sophie Scholl und von weiteren Mitglieder der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“.  Als Vertreter der Studentenschaft ist er 1943 beim Prozess gegen die Geschwister Scholl vor dem Volksgerichtshof dabei.

Wenig später rettet Soeder Grein das Leben, weil er eine Anzeige gegen Grein wegen Hochverrates nicht an die Gestapo weiterleitet. Zwei Mitstudenten gegenüber hatte sich Grein sehr abfällig über Hitler geäußert, die ihn daraufhin denunzierten. Im Krieg rettet Grein einen abgeschossenen amerikanischen Piloten, der mit seinem Fallschirm auf dem Nachbargrundstück des Elternhauses landete.  Zwei Männer prügelten auf den wehrlosen Soldaten ein und wollten ihn lynchen. Walter Grein warf sich dazwischen und wurde ebenfalls zusammengeschlagen.

Große Liebe zu Afrika

Nach Kriegsende arbeitet Dr. Walter Grein rund zehn Jahre in verschiedenen Kliniken in Deutschland, doch dann zieht es ihn in die Ferne, es „locken die Abenteuer“. Bei der Ärztekammer erfährt er, dass Saudi-Arabien deutsche Ärzte sucht. Seine Bewerbung beim Gesundheitsminister ist von Erfolg gekrönt. Von 1957 bis 1959 arbeitet er als Regierungsarzt  im King-Saud-Hospital in Riad. Nach seiner Anerkennung als Facharzt für Gynäkologie und Chirurgie hält es ihn nicht lange in Deutschland. Walter Grein entdeckt seine „große Liebe zu Afrika und seinen Menschen“ und erlebt in Togo seine „schönste Zeit.“ 1963 nimmt er im Auftrag der Deutschen Entwicklungshilfe eine Stelle als leitender Arzt am Landeszentralkrankenhaus Lomé (1000 Betten) an.

In Togo adoptiert er einen kleinen Jungen, Francis, der beim Besuch des damaligen Bundespräsident Heinrich Lübke für Schlagzeilen in der Weltpresse sorgt. „Heinrich, der Junge spricht deutsch!“, lacht Walter Grein heute noch über den erstaunten Ausruf der Präsidentengattin Wilhelmine.  Die beiden Greins werden zu einem Besuch nach Bonn eingeladen. Francis Grein (55) ist mit einer Deutschen verheiratet und arbeitet in Deutschland als Eventmanager.

Nach sieben Jahren geht Walter Grein wieder zurück nach Deutschland, um 1976-1979 und 1984-1986 noch zwei Mal nach Togo zurückzukehren.  „Bis nach Ghana hörte man die Buschtrommeln“, wenn der deutsche Doktor wieder einmal einem Kind ins Leben half, oft nach Risikoschwangerschaften, Kaiserschnitten oder nach einer erfolgreichen Behandlung von Frauen, die ungewollt kinderlos waren.

Er macht den Pilotenschein und fliegt mit seiner Propellermaschine als Buschdoktor zu seinen Patienten in den Nordteil des Landes, weil die Straßen wegen der häufigen starken Regenfälle nicht befahrbar sind. Walter Grein benennt die Zahl der Geburten auf 6000 pro Jahr. In ganz Westafrika sind seine medizinischen Fähigkeiten gefragt. „Ich habe in Afrika so viel Liebe, Zuneigung und Wertschätzung erfahren“, sagt er mit einem Glänzen in den Augen und einem Lächeln auf den Lippen. Für seine Verdienste um den Aufbau des Gesundheitswesens in Togo wird er durch den Staatspräsidenten ausgezeichnet.

Walter Greins Wohnung in der Rheingrafenstraße ist ein kleines „Afrika-Museum“ mit vielen Holz-Skulpturen, Geschenke dankbarer Patienten. Als er letztmals 2011 mit seiner Frau Christl Schüßler nach Togo reiste, erkennen ihn viele Menschen auf der Straße und begrüßen ihn herzlich.  „Medizin, Magie und Mut - Das bewegte Leben des Dr. Grein“ ist der Titel eines Beitrages, den der Radiosender Bayern 2 im Juli ausstrahlte.

Im September war er Gast bei einem Zeitzeugengespräch, eine Weiße-Rose-Gedenkveranstaltung, zu der die Katholische Hochschulgemeinde (KHG) München eingeladen hat. Nachdem Walter Grein lange sehr erfolgreich als Kur -und Badearzt im fränkischen Bad Brückenau als Kur-und Badearzt arbeitet, zieht er 1996 nach Alzey um und arbeitet dort noch vier Jahre als Arzt.

Mit knapp 80 Jahren lässt er es etwas ruhiger angehen und behandelt noch wenige Privatpatienten. Im hohen Alter hat er sich auf Naturheilverfahren spezialisiert. Seine Vorträge zu den Themen „wie wird man glücklich“ sind gut besucht und seine Ratschläge für eine positiven Lebenseinstellung sehr gefragt. „Lachen gibt Gesundheit und Kraft. Ich habe damit 95 Jahre geschafft.“

Seine Frau Christl Schüßler lernt er 1997 kennen. Die gebürtige Münchnerin arbeitet als Feldenkrais- und Lachyogalehrerin im Krankenhaus St. Marienwörth. Im November 2009 folgt dann der Umzug des Paares nach Bad Kreuznach.

Wie viele Menschen in diesem Land ist Walter Grein in hohem Maße besorgt über die Zunahme von Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus. Die Entwicklung verfolgt er sehr aufmerksam in den Medien. Erst kürzlich hat er sich das neuste Buch seines „bayrischen Landsmannes“ Konstantin Wecker gekauft. Er verweist auf den Titel: „Dann denkt mit dem Herzen  - Ein Aufschrei in der Debatte um Flüchtlinge“. Sei Lebensmotto ist daher. Nicht die Frage stellen „wie kann ich herrschen?“ sondern „wo kann ich dienen“?

 

Text und Foto von Hansjörg Rehbein

Bundesprogramm

Gefördert im Rahmen des Bundesprogramm: „Demokratie leben!
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Inhaltliche Grundlagen

Als Grundlage für die Förderung durch das Bundesprogramm werden zu Beginn eines Förderjahres Fortschreibungsanträge, im Verlauf eines Jahres Zwischenberichte und abschließend Ergebnisberichte geschrieben. Diese bilden die inhaltliche Grundlage.
pdfAntrag für neues Bundesprogramm 2015 (1.38 MB)
Der Abschlussbericht dokumentiert die Arbeit aus dem Förderzeitraum 2007–2010.
pdfErgebnisbericht 2007-2010 (2.9 MB)